7.30, aufstehen - nach 4,5 Stunden Schlaf.
Sobald die Augen zu waren, liefen sie wieder, die nassen Tropfen auf meinem Gesicht.
Und hörten nicht mehr auf. Verdammt.
Quäle mich aus dem Bett, geht einfacher als ich dachte. Wackle ein wenig auf meinen Puddingbeinen.
Fernsehen, schnell, bevor ich denken kann. Erst belanglose Serien, dann später eine Reportage aus England. Prima Idee!
Wenn ich einen Mann diesen Akzent sprechen höre, piekst es so komisch in meinem Herzen. Alles verschwimmt. Genauso hat er es auch gesagt! Argh, so hat er mich auch angesehen.
Wenn wir jetzt... ach ja, es gibt ja kein "wir" mehr.
Was passiert jetzt, wenn ich vor lauter Herzschmerz in Ohnmacht falle? Hoffentlich habe ich wenigstens eine gute Unterhose an, falls ich nach dem Erwachen den Krankenwagen rufen muss.
Ich kriege drei eklige Bissen runter vom schnell bestrichenen Brot.
Wenn ich heute Abend nicht aufpasse, wird daraus ein super Frustfressen. Hunger (nach Brot, Liebe, was auch immer) und Trösten, eine gefährliche Kombination.
Habe ich noch Schokolade im Haus?
Ich sehe die gelben englischen Nummernschilder der Autos und Erinnerungen springen auf meinen inneren flackernden Monitor, einfach so. Ungefragt!
Wie sicher ich mich neben ihm im Auto f�ühlte, so geliebt. Wie schön all das war, was wir sahen. Besonders wir. Und all die Plätze, die wir besuchten! Alles nur Kulisse, wie ein weichgezeichneter Hintergrund. Ich sehe ihn, wie er sch�üchtern lächelt mit geröteten Wangen, wie er meine Hand nimmt. Ich sp�üre, wie gl�ücklich er ist.
Durch mich.
Ich mache diesen wundervollen Menschen gl�ücklich.
Es kann doch nichts schöneres geben, auch jetzt nicht.
Die Nähe, wie nie zuvor. Vielleicht ist es deshalb nun so schwer.
Ich schalte den Fernseher aus, liege weinend da. Greife mir dramatisch ans Herz, weil ich es wirklich rausreißen will.
Klappt nicht.
Dummes Ding. Rede mir leise ein, dass das eh alles nur eine chemische Reaktion im Körper ist, ein Entzug. Ein kalter. Ich trage heute das T-Shirt, das ich trug, als wir ein Picknick machten - in einem Park, in dem bereits ein englischer König starb. Hätte mir eine Warnung sein sollen. Streichle langsam �über den Stoff. Da hat er mich auch ber�ührt.
Meine Jalousien verdunkeln den Raum. Gut so! Ich kann keinen Sonnenschein ertragen. Mein Kopf redet permanent auf mich ein, ermahnt mich, wiederholt all die klugen Sprü�che die ich nicht mehr hören kann, und nun möchte ich auch meinen Kopf los werden.
Auf diese Sprüchlein höre ich schon lange nicht mehr. Nur ich weiß, wer und wie er ist. Keiner von euch kannte "uns". Und keinem kann ich erklären, wie "wir" uns f�ühlen. Es ist so einfach, zu Urteilen. So einfach, die Schubladen aufzureißen und ihn zu den anderen Arschlöchern zu packen. Und es ist mir egal, mittlerweile. Weil ich die Wahrheit kenne.
Ich wü�nschte, ich könnte ihn verteufeln. Zu wissen, er leidet auch, macht es so viel schlimmer. Ich w�ünschte mir, ich könnte sagen "er hat mich eben nicht geliebt". Aber so einfach ist es nun mal nicht, und das ist scheisse.
Ich krieche vom Sofa und wanke ins Badezimmer, ziehe mich langsam an und binde mir meine struppigen, glanzlosen Locken zum Zopf. Starre in mein Spiegelbild. Finde mich schrecklich. Blass, zu Ping-Pong Bällen mutierte angeschwollene Augen, Tränen.
Mein Körper reagiert, Magen, Haarausfall, Pickel. Ist mir egal. Alles egal.
Schnappe mir den Schl�üssel und verlasse das Haus.
Wir mögen uns heute wirklich nicht, das Licht und ich. Vielleicht bin ich doch ein Vampir?!
Die ersten paar Schritte geschehen widerwillig. Stehe an der Straße, schneller als gedacht.
Zähle die Autos, die aussehen wie sein Auto. Seit unserer Trennung gibt es auffallend viele davon. Eine Verschwörung, wie ich vermute.
Jedes von ihnen versetzt mir einen Tritt.
Und ich ertappe mich dabei, wie ich nachsehe, ob er nicht in einem von ihnen sitzt. Aber die sitzen ja alle links. Kann nicht sein. Und kein gelbes Nummernschild.
Und er weiß ja nicht mal, wo ich jetzt wohne. Der Prinz wü�rde also die Prinzessin nicht mal finden können, um sie zu retten - selbst wenn er wollen würde.
Schreie mich an, in Gedanken. Muss die Tränen runterschlucken. Der Prinz wird nie wieder kommen, du dumme Kuh. Das hier ist kein Märchen, auch wenn es dir mal so vorkam.
Bewege mich in Richtung See, kaum Spaziergänger unterwegs, fast Mittagszeit.
Wunderbar, ich mag nämlich keine Menschen.
Höre nachdenklich stimmende Lieder und lasse meine Blicke beim gehen �über den See schweifen. Auf halber Strecke setze ich mich auf eine noch feuchte (aber wen kümmert schon eine Blasenentzündung, wenn das Herz gebrochen ist?) Bank, und eine Ente gesellt sich in meine Nähe, leise schnatternd, als ob sie mich trösten will.
Weiß nicht, ob ich das gut finden soll.
Ich will nicht mehr getröstet werden, Wörter und geschnatter helfen nicht mehr. Es ist gut jetzt, es ist vorbei. Mit dem Rest muss ich selber klar kommen. Weil alles andere mich nur aggresiv macht. Hulk-ähnlich-aggressiv.
Es nähern sich Spaziergänger. " I really dont know which way to go, darling" sagt eine Frau mit britischem Akzent und schlohweissem Haar zu ihrem - offensichtlichen - Gatten.
Ich kotze.
Innerlich.
Lächelnd fragen sie mich nach dem Weg, ich gebe eine f�ür meine Verhältnisse recht schroffe Antwort.
Sie bedanken sich und ziehen von dannen. Ich stehe auf, gehe langsam meinen Weg zurü�ck in meine abgedunkelte Wohnung, ein paar Meter vor mir die Briten.
Stelle mir vor, wie ein grausiges stinkendes Seemonster seine Tentakel auswirft und die beiden mit sich in die kalte Tiefe zieht. Die Idee, sie mit einer Pumpgun abzuknallen bis die Eingeweide spritzen, war mir dann noch nicht so geheuer - und echt viel zu blutig.
Zuhause, Tü�r zu, Tränen marsch. Ich kann nichts dafü�r!
Die letzten Meter bin ich fast gerannt. Es ist, als ob man dringen Pipi machen m�üsste: man kann es sich ein Weilchen verkneifen, aber was raus muss, muss raus!
Sitze eine Weile auf der Treppe und heule. Versuche, nicht so laut zu sein.
Will nicht dass die Nachbarn mich komischer ansehen, als sie es jetzt schon tun.
Schleppe mich aufs Sofa, decke mich zu. Frage mich zum 1000. Mal, warum Gott mich so bestrafen will. Stelle ihm selbst laut die Frage, schluchzend.
Erhalte keine Antwort.
Ja, ich nehme das persönlich! Er - also nicht Gott - sagte mal zu mir: "Selbst wenn du ein feister stinkender Bauarbeiter mit Vollbart wärst, ich w�ürde dich genauso lieben." Und wir haben uns sehr geliebt. Sehr.
Und ich, ich liebe ihn immernoch. Ich habe Angst, dass sich das nie wieder ändert, wie bei Königin Victoria und ihrem Albert. Habe Angst, dass in meinem Herzen kein Platz mehr f�ür jemand anderen ist, weil ich weiß, er wird nie wieder kommen. Dann würde ich auch, wie Vicky, nur noch schwarz tragen.